Ein ruhendes Gesicht, ein leiser Wind, ein Blick in die Ferne, sich brechende Wellen, Bewegungen im Schwebezustand: Die Medienkünstlerin Clara S. Rueprich entwickelt in ihren Videoarbeiten und Fotografien visuelle Räume, in denen äußere Landschaften und innere Zustände ineinander übergehen. Ihre Arbeiten kreisen um Wahrnehmung, Transformation und Momente der Stille, in denen sich Veränderung bereits andeutet. Zwischen Ruhe und Unruhe, Beobachten und Handeln, Innenwelt und Umwelt entstehen poetische Verdichtungen einer Gegenwart, die von Unsicherheit, Suche und zugleich von Möglichkeiten geprägt ist.
Die Ausstellung entfaltet sich als ein Gefüge aus bewegten und stillen Bildern, in denen Zeit gedehnt, verlangsamt und fragmentiert wird. Rueprich arbeitet mit filmischen Sequenzen und fotografischen Setzungen, die weniger Narrationen als vielmehr Zustände sichtbar machen. Wiederkehrende Motive – Wasser, Wind, Körper, Landschaft – fungieren dabei als Träger einer sensiblen, oft ambivalenten Atmosphäre. Sie verweisen auf Übergänge: zwischen Innen und Außen, zwischen individueller Erfahrung und kollektiver Wirklichkeit, zwischen gegenwärtigem Empfinden und zukünftiger Möglichkeit. In der verlangsamten Bewegung, im Innehalten und im genauen Beobachten öffnet sich ein Raum, in dem sich Wahrnehmung schärft und Unsicherheiten nicht aufgelöst, sondern bewusst gehalten werden sowie das Dazwischen betont: das Noch-nicht-Benennbare, das sich Ankündigende, das Ungewisse. Gerade in dieser Schwebe wird die Verbindung zur gesellschaftlichen Gegenwart greifbar – einer Gegenwart, die von Spannungen, Verschiebungen und Brüchen geprägt ist.
Susak Trilogy – bestehend aus den Videoarbeiten waiting und trying sowie der fotografischen Serie watching – setzt den Fokus zwischen Beobachtung und Ausharren. Die Arbeiten entfalten ein Spannungsfeld zwischen einem gerichteten Blick und dem Verharren im Ungewissen. Das Video Intro hingegen schärft den subjektiven Blick auf mögliche, unbekannte Zukünfte die imaginiert werden können und löst somit das Spannungsfeld als Möglichkeitsraum auf: ein langsames Herantasten an eine sich schärfende oder auch neu entstehende Wahrnehmung. Die Werkserie Flow wiederum verbindet filmische und fotografische Elemente zu einer Untersuchung von Bewegung und Übergang, in der Wasser und Körper als Symbole der Transformation erscheinen: Veränderung, die selbst gedacht und erschaffen werden kann sowie besonders immer wieder versucht werden will. Doch die Videoarbeit Condition M mahnt die gesellschaftliche Ohnmacht im Kontext einer Machtlosigkeit sowie gewaltvolle Struktur an, die als solche in der genauen Betrachtung und Auseinandersetzung erkannt werden muss.
Clara S. Rueprichs Kunstwerke skizzieren poetische Reflexionsräume. In ihnen verdichten sich Erfahrungen von Kontrollverlust und Ohnmacht ebenso wie Momente von Selbstermächtigung und Imagination. Der Blick richtet sich auf das, was sich entzieht, auf das, was sich erst im Prozess des Betrachtens formt. So entsteht ein sensibles Geflecht aus Bildern und Bewegungen, das die Frage nach Handlungsspielräumen aufwirft: Wie lassen sich Zustände erkennen? Wie kann Veränderung gedacht werden? Und welche Rolle spielt dabei das eigene Wahrnehmen?
Der Ausstellungstitel but the wind that blows through me verweist auf das Gedicht The Song of a Man Who Has Come Through von D. H. Lawrence. In der vielschichtigen Metapher wird der Wind zur unsichtbaren Kraft – als Zeichen für Bewegung und Veränderung, aber auch als Moment der Irritation und des Kontrollverlusts. „Not I, not I, but the wind that blows through me!“ beschreibt ein Moment der Hingabe an eine Bewegung, die sich nicht kontrollieren lässt und dennoch Richtung gibt. In Rueprichs Arbeiten wird dieser Gedanke zu einer bildlichen Erfahrung: Der Wind steht hier nicht nur für Veränderung, sondern für ein Durchlässigwerden, für ein Sich-Aussetzen gegenüber äußeren wie inneren Dynamiken. Zwischen Auflösen und Formen, zwischen Kontrollverlust und Möglichkeit eröffnet sich so ein Spannungsfeld, in dem das Ich nicht als Mittelpunkt erscheint, sondern als Teil eines größeren, in Bewegung befindlichen Gefüges. Die Werke lassen sich als metaphorische Annäherung an eine gesellschaftliche Situation lesen, in der Machtverhältnisse sowie erstarrte Orientierungslosigkeit, aber auch Hoffnung und Zukunftsentwürfe nebeneinander existieren.
Jenny Starick