Der Titel forms of listening verweist auf ein erweitertes Verständnis von Zuhören – als eine Haltung der Offenheit. Zuhören bedeutet hier, in Beziehung zu treten: mit sich selbst, mit anderen und mit der Umwelt. Gerade in einer Zeit, die von Unsicherheit und Umbrüchen geprägt ist, erscheint Zuhören als grundlegende Praxis, um einander und die Welt um uns herum besser zu verstehen.

In der Mitte des Ausstellungsraums stehen die „Ohrentassen“ von Roswitha Maul. Sie sind nicht nur eine künstlerische Arbeit, sondern laden auch in einen sozialen Raum ein. Sie sind die Erinnerung daran, einander zuzuhören – oder der Kunst im Raum oder den Pflanzen. Als kleiner Ort der Begegnung richten sie sich an alle, die in irgendeiner Form der Beziehung zueinander stehen. Setzt euch, manchmal beginnt Zuhören ja damit eine gemütliche Position einzunehmen!

Dass Zuhören weit über den menschlichen Austausch hinausreicht, macht Reinhard Krehl sichtbar. In seiner Arbeit leiht sich die Natur unsere Buchstaben, um sich verständlich zu machen – ein stilles, aber dringliches Sprechen dessen, was uns umgibt und was wir allzu oft überhören. Das Wort Resonanz fasst diese Beziehungen zusammen: Sie sind relational, wechselseitig, und sie fordern uns auf, auch unsere nicht-menschlichen Mitbewohnenden dieser Welt wahrzunehmen.

Mit ähnlichen Fragestellungen setzt sich Clara S. Rueprich auseinander. In ihrer Videoarbeit Abwesen richtet sie den Blick auf das leise, oft unbemerkte Verschwinden von Tierarten. Im Zentrum stehen nicht die ikonischen oder medial präsenten Spezies, sondern jene, die selten Aufmerksamkeit erfahren. Ihr Verschwinden geschieht still – und fordert gerade deshalb ein genaues Hinsehen und ein erinnerndes Zuhören ein.

Auf humorvolle Weise begegnen uns bei Lucas Oertel Vertreter:innen aus der Tierwelt, die für ihre langen Ohren bekannt sind. Ob Hasen besonders gute Zuhörer:innen sind, lässt seine Malerei offen – und legt dabei nahe, dass Zuhören vielleicht auch eine körperliche Angelegenheit ist. Anna Kautenburger wiederum öffnet in ihrem Linoldruck eine kommunikative Beziehung zwischen Mensch und Übernatürlichem: Was würde uns ein Seemonster im Leipziger Kanal wohl erzählen, wenn wir bereit wären, zuzuhören?

Dass Zuhören nicht allein an das Hören gebunden ist, sondern auch als emotionaler und körperlicher Prozess verstanden werden kann, zeigt sich in den Malereien von Carlo Leopold Broschewitz. In seinen Arbeiten verdichten sich Gefühle zu Formen und Farben – als Übersetzungen innerer Zustände, die sich nicht unmittelbar in Sprache fassen lassen. Auch Elena Kozlovas Malerei bewegt sich in einem abstrakten Feld von Verbindungen: Leitungen und Kabel durchziehen ihren Bildraum. Sie lassen sich sowohl als Sinnbilder permanenter Erreichbarkeit lesen, die konzentriertes Zuhören erschwert, als auch als visuelle Metaphern für die komplexen Verknüpfungen, die im Moment des Zuhörens entstehen.

Mit den Strukturen von Kommunikation und ihren Verläufen beschäftigt sich Luzia Rux in ihren Zeichnungen. Beobachtete Gespräche übersetzt sie in visuelle Systeme, ergänzt durch eine eigene Legende. Dabei werden nicht nur gesprochene Inhalte sichtbar, sondern auch Umwege, Missverständnisse und parallele Gedankengänge. Es entstehen vielschichtige Räume, die manchmal diffus sind.

Katia Klose hält in ihren Fotografien einen besonderen Raum fest: wortlose Kommunikation, die mit Blicken funktioniert. Sie hat ihre Kinder für einen Augenblick fotografiert und lädt die Betrachtenden ein, in den intimen Moment zu schlüpfen, der zwischen den Abgebildeten und der Fotografin entsteht.

Auch Judith Miriam Escherlor arbeitet mit persönlichen Bezügen. Ausgehend von Erinnerungen an das Haus ihrer Großeltern rückt sie Objekte in den Fokus, die Träger von Geschichten sind. Wenn die Menschen selbst nicht mehr anwesend sind, stellt sich die Frage, wie wir Vergangenem zuhören können – und was Dinge über die Beziehungen erzählen, in die sie eingebettet waren. Diese Fragestellung greift auch Shannon Brinkley auf, indem sie Objekte mit ihren Spuren und Einschreibungen in den Ausstellungsraum überführt und als eigenständige Erzähler:innen ernst nimmt.

Die Beziehung zwischen Raum, Material und Empfinden untersucht Gabriela Kobus in ihren installativen Arbeiten. Gegensätze wie hart und weich, Stabilität und Nachgiebigkeit erzeugen ambivalente Situationen, die Fragen nach Sicherheit, Komfort und Geborgenheit aufwerfen. Auch hier kann Zuhören als ein Aushandlungsprozess verstanden werden – als ein Gespräch darüber, was uns trägt und was uns fehlen kann.

Ulrike Dornis schließlich tritt in einen Dialog mit der Geschichte der Malerei. In ihren Neuinterpretationen von Werken des sozialistischen Realismus verschiebt sie bestehende Bildordnungen und macht Frauen zu aktiven, handelnden Figuren. Durch das Nachstellen und Umdeuten historischer Kompositionen entsteht ein zeitgenössischer Blick auf vergangene Narrative – ein Zuhören gegenüber der Geschichte, das nicht passiv bleibt, sondern antwortet und transformiert.

forms of listening versammelt damit künstlerische Positionen, die Zuhören als vielschichtige Praxis begreifen: als sinnliche Erfahrung, als soziale Handlung, als politische Haltung und als Möglichkeit, in Resonanz zu treten. Die Ausstellung lädt dazu ein, sich auf diese unterschiedlichen Formen des Zuhörens einzulassen – und vielleicht neue Wege zu finden, in Beziehung zu treten.

Ewa Meister (Kuratorin)

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